Irgendwann Ende August habe ich zufällig die Webparade „Was sich für Trainer*innen durch Covid-19 verändert“ gesehen. Ein Thema, über das ich selbst auch schon seit Anfang März nachdenke. Ich möchte daher die Gelegenheit aufgreifen und die 5 Fragen aus meiner Sicht hier beantworten.
1. Was verändert sich für Trainer*innen durch Covid-19?
Gleichzeitig viel und wenig. Ja, das klingt paradox. Und vielleicht ist es auch so paradox, wie es klingt.
Es gibt – wie (fast) immer – mehrere Möglichkeiten, die Situation zu betrachten. Da ist das „Außen“, das Umfeld – das sich binnen weniger Tage massiv verändert hat. Termine wurden abgesagt, sicher geglaubte Aufträge brachen weg. Präsenztermine sind – wenn überhaupt – nur eingeschränkt und in sehr geringem Umfang möglich. Es ist das große eigene Erleben von Unsicherheit, von „erzwungener“ Veränderung.
Gleichzeitig bleibt viel unverändert. Mein Wissen, meine Art und Weise, wie ich an veränderte Rahmenbedingungen herangehe, wie ich Lerninhalte gestalte, wie ich mit beruflichen Herausforderungen umgehe. Eigentlich die Frage, wie ich selbst mit Unsicherheit und Veränderung umgehe.
Ja, eine Pandemie ist eine sehr ernste Angelegenheit. Aber wenn wir einen Moment „spielerisch“ an diese Frage herangehen, dann ist die aktuelle Situation die „Challenge„, also die Herausforderung, die dafür sorgt, dass es uns nicht langweilig wird.
Ok. Challenge accepted!
2. Was sind die größten Herausforderungen für Trainer*innen im Umgang mit diesen Veränderungen?
Ich möchte diese Frage nicht verallgemeinern. Aber ich möchte gerne erzählen, was ich als Herausforderung empfunden habe.
Eine Herausforderung war tatsächlich der eigene Umfang mit der Unsicherheit und der notwendigen Veränderung. Es war eine mehrfache Unsicherheit: Wird es überhaupt noch Kurse/Veranstaltungen geben, in denen ich als Dozentin gefragt bin? Wie sieht es finanziell aus? Welche „Angebote“ könnte ich noch entwickeln? Werde ich es schaffen, meine Themen und Inhalte „online“ gut zu vermitteln?
Ich war sehr dankbar, als ich Ende März beziehungsweise Anfang April erfuhr, daß der größere Teil meiner Kurstage tatsächlich zukünftig online stattfinden könne. Einerseits war das Sicherheit, andererseits die Notwendigkeit, Inhalte zu verändern. Angefangen von der Weiterbildung zu den eingesetzten Anbietern (zum Beispiel Zoom und MS-Teams), andererseits auch die inhaltliche Veränderung (die von einem Weiterbildungsinstitut auch aktiv mit einer eigenen Dozentenweiterbildung unterstützt wurde).
Ich habe bis Ende Februar – mit Ausnahme von eigener Weiterbildung im Online-Bereich – immer nur in Präsenz gearbeitet, bestensfalls einmal „hybrid“ in dem Sinne, dass nicht alle Teilnehmer*innen im Raum anwesend waren. Meine Herausforderungen waren:
– wie gehe ich mit dem eigenen Gefühl der Unsicherheit um? Zum Beispiel auch, wenn ich neue Übungen und Aktivitäten ausprobiere?
– wie gehe ich mit dem Bewußtsein der physischen Distanz um? Wie kann ich – trotzdem – eine gewisse Nähe schaffen?
– wie schaffe ich es, dass die Teilnehmer*innen gemeinsam an dem Thema arbeiten und tatsächlich gemeinsam denken, diskutieren und lernen?
– wie schaffe ich es, die Kurstage so abwechslungsreich zu gestalten, dass die Teilnehmer*innen gerne mitarbeiten und mitdiskutieren?
– wie eigne ich mir das notwendige Wissen an, um die neuen Herausforderungen „gut“ zu meistern?
3. Was ist hilfreich im Umgang mit diesen Herausforderungen?
Mir hat Transparenz gegenüber den Teilnehmer*innen sehr geholfen. Wenn ich also eine neue Übung oder ein Tool zur gemeinsamen Bearbeitung an einem Kurstag genutzt habe, dann habe ich die Teilnehmer*innen informiert. Oft habe ich hinterher (am Ende des Tages) auch gefragt, wie die Übung/das Tool bei den Teilnehmer*innen angekommen ist. Das hat mir auch geholfen, meine Online-Arbeit zu verbessern!
Es kam mir am Anfang etwas merkwürdig vor, so in den „leeren Raum“ zu sprechen. Es hat mir sehr geholfen, einen „Vertreter“ vor den Monitor zu setzen – ein niedliches rosafarbenes Plüschschwein, das bei jedem Online-Meeting „dabei“ ist. Bei den Kursen zeige ich es meist. Mittlerweile fällt es mir nicht einmal mehr wirklich auf, ob beziehungsweise wieviele Kameras an sind. Interaktion hängt nicht am bewegten Bild, sondern an der gemeinsamen Arbeit.
Die gemeinsame Arbeit war für mich der wichtigste und gleichzeitig auch der schwierigste Punkt. In Präsenzveranstaltungen entstehen (fast) immer umfangreiche Diskussionen rund um meine Themen (rechtliche Themen mit Onlinebezug – zum Beispiel Urheberrecht aber auch Datenschutz). Oft reicht es Gesten oder Körperhaltung zu hinterfragen („Sie sehen das anders?“), oft kann ich Gespräche der Teilnehmer*innen untereinander aufgreifen. Online ist das schwieriger. Ich habe mich also sehr bewußt damit beschäftigt, wie ich das gemeinsame Arbeiten und gemeinsame (Lern-) Erlebnisse fördern und in meinen Kurs integrieren kann. Mir ist es wichtig, dass die Teilnehmer*innen die Inhalte – genauso wie in Präsenz – selbst erarbeiten und soweit wie möglich verstehen. Ich bin dabei nur „leitendes und fragendes Beiwerk“, aber eben nicht die Hauptperson. Das erfordert allerdings viel Vorbereitung und durchaus auch eine Fokussierung auf das, was bei einem bestimmten Thema wirklich wichtig ist. Ich merke, dass ich für die Vorbereitung mehr Zeit benötige als früher. Aber vielleicht ist das gut, weil ich so sehr viel stärker Schwerpunkte setze.
Schwierig war manchmal der Zeitaspekt. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass vieles länger dauert als „offline“. Oft ist das Bedürfnis nach Gesprächen oder nach ausführlichen Vorstellungsrunden größer als von mir „geplant“. Das ist kein Problem, im Gegenteil. Ich freue mich immer, wenn Menschen in meinem Kurs miteinander ins Gespräch kommen. Aber manchmal mußte ich dann sehr spontan kürzen, um die wirklich wesentlichen Aspekte noch ansprechen zu können.
Sehr wertvoll war das Feedback der Teilnehmer*innen. Ich bin dankbar, das die Teilnehmer*innen sich immer wieder auch nach einem langen „Onlinetag“ noch die Zeit genommen haben, mir eine persönliche und durchaus ausführliche Rückmeldung zu geben. So konnte ich oft „überprüfen“, ob meine Ideen auch wirklich so gut waren, wie ich dachte……..
Hilfreich fand ich auch den Austausch mit anderen Dozentinnen und Dozenten. Es tut gut zu hören oder zu lesen, dass viele sich mit ähnlichen Fragen „herumschlagen“. Gleichzeitig ist es schön, den einen oder anderen Tipp zu bekommen oder auch weitergeben zu können.
Und natürlich: ich habe viel gelesen – Bücher, Blogbeiträge, Postings in sozialen Netzwerken. Ich habe viel ausprobiert und ausgetestet. Und ich habe viel Spannendes und Neues entdeckt! Letztlich hat die Pandemie dazu geführt, dass ich mich viel stärker noch einmal mit dem eigenen Lernen beschäftige. Denn das ist ein wirklich wichtiger Punkt: Lernen ist Veränderung, Lernen ist eine aktive Einflußnahme auf die konkrete Situation. Ich kann vieles nicht ändern, aber ich kann versuchen, lernend neue Wege zu finden. In dem Punkt unterscheide ich mich nicht von den Teilnehmer*innen meiner Kurse und so bin ich den Teilnehmer*innen plötzlich in Gedanken sehr viel näher als „vorher“.
4. Welcher Nutzen ergibt sich aus den Veränderungen für Organisationen und Trainer*innen?
Ich habe in den letzten Monaten viel ausprobiert und viel gelernt. Ich habe vor allem auch noch einmal bewußt wahrgenommen und „gelernt“, dass nichts „perfekt“ sein muß. Oft war das gemeinsame Lachen mit den Teilnehmer*innen über kleine Pannen („Sie haben jetzt den falschen Bildschirm geteilt, wir können uns selbst sehen…“) befreiend.
Gleichzeitig habe ich auch wieder stärker das Gefühl gewonnen, dass ich in der Lage und bereit bin, mich mit neuen Dingen erfolgreich auseinanderzusetzen. Es ist gleichzeitig auch das Gefühl, zumindest in einem gewissen Ausmaß gestalten zu können und nicht (nur) wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren. In einem gewissen Sinn hat die Pandemie einen Freiraum geschaffen, um Neues auszuprobieren. Das „Alte“ geht im Moment nicht, das Neue kann (und muß) entwickelt werden. Vieles ist möglich, vieles ist machbar. Es ist eine Zeit der Veränderung. Ich lerne während ich lehre und gleichzeitig nehme ich, während ich selber an anderen virtuellen Orten lerne, viel für mein „Lehren“ mit.
5. Was sollten Trainer*innen können, um weiterhin erfolgreich zu sein?
Eigentlich ist die Antwort beinahe „einfach“: die Herausforderung („Challenge“) annehmen! Es ist meines Erachtens auch weniger eine Frage des „Könnens“ als der Haltung oder Herangehensweise.
Aber konkreter: neugierig sein, Neues ausprobieren, das eigene Scheitern oder Nichtwissen in Kauf nehmen (es hat nicht alles beim ersten Anlauf so geklappt, wie ich es gerne gehabt hätte), ständig über Veränderungen und Verbesserungen nachdenken.
Accept the challenge, denn Lernen ist Veränderung!